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Wer war Saint Germain?

Monika Neve in LAZARUS 3.04

„Diejenigen, die sich mit der historischen Erforschung des Lebens des Grafen von Saint Germain im 18. Jahrhundert beschäftigen, machen in der Regel um das Thema Esoterik einen großen Bogen. Man bekommt Äußerungen zu hören, dass sein Tod in Eckernförde umstritten sei und dass er sogar heute noch lebe. Manche halten dies verständlicherweise für Aberglaube, andere jedoch für etwas, was nicht ausgeschlossen, aber für Sterbliche oder Uneingeweihte nicht zu verstehen sei. Letztlich seien das alles reine Glaubensfragen, über die man wissenschaftlich nicht diskutieren könne. Von heutigen Esoterikern wird der Einfluss Saint Germains dagegen nicht allein als Nachwirkung seines Erdenlebens, sondern als eine Art permanente Krafteinwirkung angesehen, als eine übersinnlich-feinstoffliche Energie, eine geistige Führergestalt, zu der jeder Mensch eine Verbindung aufnehmen kann. Indem man diese Verbindung sucht und sich für sie öffnet, können nicht nur Belehrungen, sondern auch die direkten Schwingungen dieser Energie aufgenommen werden. -Das Interesse von Esoterikern an historischen Tatsachen scheint umgekehrt ebenso gering zu sein. Da hört man oft Aussagen wie: „Das interessiert mich nicht, es gehört nicht zu meiner Aufgabe, mich mit der Biographie zu beschäftigen. Ich arbeite nur mit seiner Energie, ich bin Kanal für die Botschaften und Durchsagen des Meisters, die auf mich zugekommen sind, um mich für diese Aufgabe auszubilden." Fragt man nach, bedeutet „auf mich zugekommen", dass in inneren Bildern und Visionen entsprechende Anweisungen erhalten wurden. Diese Aussagen stellen jedoch nicht zufrieden, zumal die Veröffentlichungen in diesem Bereich ähnlich diffus, ohne Quellenangaben oder die erwünschten und notwendigen Erläuterungen präsentiert werden. Über die Urheber erfährt man selten etwas, in manchen Werken treten sie nur als Herausgeber des „Autors" Saint Germain auf, falls überhaupt. Es scheint, dass heutige Esoteriker ebensowenig die Neigung haben, Uneingeweihten die Herkunft ihrer Weisheit nachvollziehbar zu machen, wie Wissenschaftler den Versuch unternehmen möchten, sich mit okkulten Phänomenen zu befassen. In dieser Schrift soll der Versuch unternommen werden, von esoterischem Gedankengut aus-gehend, die Rätselhaftigkeit seines Lebens und die entsprechende Legendenbildung in einem neuen Lichte zu sehen", so schreibt Christiane Feuerstack in der Einleitung zu ihrem im Herbst erschienen Buch „Graf Saint Germain im Spiegel der Widersprüche". Dabei gliedert sich die Schrift in die Kapitel: -Der Graf Saint Germain -Rätsel einer Biographie -Wirkungen eines Lebens -Helena P. Blavatsky und die Theosophische Gesellschaft -Westliche und östliche Weisheit - Saint Germain und Christian Rosenkreutz - Rosenkreuzertum und Alchemie, - Rudolf Steiners Sozialimpuls.- Splitter der Theosophischen Gesellschaft im Spiegel der Zeit, - Die I-AM-Lehre, - Die violette Flamme und -Lebt Saint-Germain heute noch? Rückspiegelungen, eine Zeittafel, Anmerkungen und Quellen vervollständigen das Werk.
Christiane Feuerstack kam bei ihren Recherchen zu der Auffassung, das man dasjenige, was man gesichert nur weniges über das Leben des Grafen weiß, wohingegen unzählige Bücher geschrieben worden wären über das, was man nicht weiß. Sie geht auf die belegbaren Stationen dieses erstaunlichen Lebens ein und ihre Bedeutung, die sie auch in der Folgezeit in der Welt hatte. Das geht bis hin zur Gründung der Theosophischen Gesellschaft und der anthroposophischen Bewegung, insofern man Rudolf Steiners Anknüpfung an das Werk, das Christian Rosenkreutz vorbereitete, ins Auge fasst. Denn der Graf Saint Germain wird von ihm als Wiederverkörperung einer noch weniger fassbaren Persönlichkeit dargestellt, die im 15.Jahrhundert lebte und die Grundlagen schuf für den modernen rosenkreuzerischen Weg. Durch ihn solle auch dem neuzeitlichen Menschen der Weg zur geistigen Welt wieder gangbar werden. Rudolf Steiner machte ihn Anfang des 20.Jahrhunderts öffentlich in der Schrift „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten" und führte das Werk weiter fort. Denn zu Rosenkreutz Zeiten wurde über Reinkarnation und Karma nicht gesprochen. Feuerstacks Verdienst ist es, auch für Anthroposophen, die meinen, über Saint Germain und Rosenkreutz schon „alles zu wissen", die Sachlage einmal geklärt zu haben und Rudolf Steiners eher spärliche Äußerungen zu sichten, in ihrem Kontext zu verfolgen und dadurch zu weiteren Fragen angeregt zu werden. Steiner bezeichnete Christian Rosenkreutz, den nach ihm späteren Saint Germain, als einen große spirituellen Führer des Abendlandes bezeichnet. Feuerstack: „Es sei die Frage erlaubt, wie einer völlig im Dunkel der Geschichte gebliebenen .Sagengestalt' eine derartige Bedeutung zukommen kann?", denn Rosenkreutz ist noch viel weniger fassbar als Saint Germain. Diese Bedeutung muss also auf etwas sehr Geheimnisvollen beruhen und sie erläutert Rudolf Steiners Schilderung, wonach im 13. Jahrhundert ein ganz besonderes Kind inmitten von den 12 erleuchtesten Männern Europas gemeinsam erzogen wurde. Alles, was sie wissen, führt nicht in die Zukunft, die mehr braucht als das, was jeder von ihnen kann. In dieses Kind nun hinein erstarb all ihr Wissen, um neu geboren zu werden so, dass es Zukunftskeime besaß.- Bei dieser Einweihung des Knaben geschah etwas Besonderes mit seinem Ätherleib, der im 20. Jahrhundert eine allergrößte Bedeutung für das Erleben der Wiederkunft Christi im Ätherischen haben sollte.- Alle diese im Verborgenen wirkenden Einflüsse auf die seelisch-geistige Natur des Menschen muss nicht an äußeren Ruhm geknüpft sein, so dass ein unerkanntes Leben vielleicht wirklich nicht nur verständlich, sondern möglicherweise sogar Voraussetzung für solche Wirkungen ist.
Trotzdem ist laut Rudolf Steiner der spätere Saint Germain auch mit großen Werken hervorgetreten: inspirierend durch andere, deren Namen der Kulturwelt als Genies überliefert sind. Auch Rudolf Steiner verdankt der Inspiration Saint Germains viel für die Entdeckung der sozialen Dreigliederung. Saint Germain versuchte noch, die Ideale der Französischen Revolution auf friedlichem Wege, durch Vernunft der Monarchen, zu inaugurieren. Allein es misslang - und die Geschichte ist ja bekannt... Indem Christiane Feuerstack den Spuren nachgeht, die sich auch im 2O.Jhdt. berufen, kommt sie auf ein Gebiet, wo Spreu und Weizen munter vermischt zu sein scheinen. Ihr Verdienst ist eine sachliche Sichtung der einzelnen Gruppen. Zugleich kommt sie zu dem Schluss, dass es der Individualität vielleicht sogar angemessen ist, dass man nicht durch „äußere" Fakten und Beweise sie erkennen kann, sondern nur durch das eigene geistige Arbeiten. Das ist ja auch der Ausgangsimpuls für diese Wesenheit: die Menschen anzuregen, den Weg zum Geiste so zu gehen, dass sie dadurch tüchtig werden zum Eingreifen und Verwandeln der Welt selbst. Einen solchen Weg kann einem keiner „liefern", man muss ihn schon selbst gehen. Feuerstack hat mit ihrer Arbeit für diese Individualität ganz neu interessiert so, dass man nicht mehr „nur" verehren, sondern ihm entgegengehen will! MN

Bibliographische Angaben

 

 

 

 

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Christiane Feuerstack


Graf Saint Germain
im Spiegel der Widersprüche

2. Auflage 2006
70 Seiten

MenschMedien Verlag

 

Umschlaggestaltung: Falko Windhaus
Illustration: Falko Windhaus
Lektorat: Gerald Friese
Druck: L-S Kiel

 

ISBN> 3-924964-22-x      10 EURO  

 

Kompakter Überblick

J. Darvas in „Das Goetheanum“ und in "Bernstein"

Die Gestalt des Grafen von Saint - Germain findet heute Interesse bei einer wachsenden Zahl von Menschen. Das hängt mit der popular - esoterischen Öffnung eines breiten Publikums zusammen, das sich im Zuge zunehmender Sensibilität für Übersinnliches auch Themen zuwendet, die früher eher in kleinen Kreisen gepflegt wurden. Gefragt sind weniger die historischen Fakten als Manifestationen und Mitteilungen, die aus okkulten Quellen mit dem Namen Saint - Germain verbunden werden. Viele gedruckte und elektronische Publikationen weisen auf diese Figur der westlichen esoterischen Tradition hin, nicht wenige berufen sich unmittelbar auf ihn, manche von ihnen laufen unter seinen Namen, ohne die vermittelnde, meist mediale Person zu nennen, die als Sprachrohr für diese Art Mitteilungen fungiert.
Christiane Feuerstacks kleines Büchlein „Graf Saint - Germain im Spiegel der Widersprüche“ bietet nun eine gut lesbare Übersicht, die makante Aspekte des schwer überschaubaren Themas aufgreift. Zunächst gibt die Autorin eine Einführung des biographisch faßbaren und zeichnet wesentliche Konturen des Erdenlebens Saint - Germains insgesamt behutsam nach.
Vor allem aber widmet sie den Hauptteil des Buches der geheimnisumwitterten Wirkensgeschichte, die sich nach dem Tod des Grafen durch die neuere Esoterik des 19. und 20. Jahrhunderts zieht. Registriert werden zunächst frühe Zeugnisse, die von Begegnungen mit ihm nach seinem Tod berichten. Ausführlich kommt die Rezeption des Themas in der Theosophischen Gesellschaft um Helena Petrowna Blavatsky zur Sprache, die für viele Spätere von grundlegender Bedeutung ist. Rudolf Steiners Zugänge sind über vier Kapitel hin gegliedert. Sie führen sachgemäß in die rosenkreuzerischen Hintergründe ein, die mit der Individualität Saint - Germains und mit der anthroposophischen Geisteswissenschaft verbunden sind. Das letzte Drittel bringt Informationen über einige Gruppierungen und Schulen, die aus Zersplitterungen der theosophischen Gesellschaft sind und die sich explixit auf Saint - Germain berufen. Der kleinen Schrift sind eine Zeittafel zur Ausbreitung der modernen Esoterik sowie eine repräsentative Literaturauswahl beigegeben.

Lückenfüllende Publikation

Feuerstacks Orientierungsbuch stellt keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, gründet aber auf einer guten Kenntnis der Literatur. Entstanden ist es ursprünglich als Erweiterung eines Vortragsmanuskripts. Im Zuge der Konzerte mit Kompositionen des Grafen von Saint - Germain, die durch Matthias Hahn-Engel in Eckernförde veranstaltet werden, war das Bedürfnis entstanden, neben den biographischen Beiträgen des Saint - Germain - Forschers Hartmut Verfürden auch die Phänomene darzustellen, die in späteren spirituellen Strömungen zutage treten. So konnte Feuerstack am Vorabend des 4. Saint - Germain - Konzertes am 18.September 2004 ihre Arbeit und ihr Buch vor einem ziemlich zahlreichen Publikum in den Räumlichkeiten der Freien Waldorfschule Eckernförde vorstellen.
Dem Text ist etwas von seinem Ursprung als Vertragsmanuskript anzumerken – nicht unbedingt zu seinem Nachteil. Er bietet einer für Okkultes aufgeschlossenes Gesellschaft eine gut verständliche Zusammenstellung. Die Diktion ist locker, vereinfacht aber die komplizierten Zusammenhänge nicht ungehörig. Der Ton bleibt freilassend, läßt die Phänomene für sich sprechen. Auf eine prinzipielle oder methodische Diskussion medialer Mitteilungen oder Lehrarten, die sich auf transzendente Meister berufen, verzichtet die Autorin. Sie überläßt es dem Leser, sich in diesem Labyrinth selber zurechtzufinden. Ein solches Vorgehen kann Anlaß zu Rückfragen geben, denn das Angebot methodischer Orientierungshilfen zur inneren Bewußtseinsbildung angesichts eines schier unübersichtlichen Marktplatzes esoterischer Angebote ist heute zweifelos nötig. Es hat aber den Vorteil, jedwede peinliche und kontraproduktive Schulmeisterei zu vermeiden. In jedem Fall füllt die Publikation eine Lücke, indem sie einen Überblick bietet und auf relevante Gegebenheiten der neueren Esoterikgeschichte aufmerksam macht.

Der vollständige Artikel und ein Interview mit dem Germain Forscher Hartmut Verfürden als PDF
János Darvas

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